Tanz durch die Nostalgie

Dance Beats, Textzeilen, Recherchematerial und doch nur Anfänge und leere Seiten. Nur Schwere und Bücherstapel. Maria Muhar zeigt in ihrem Roman "Lento Violento" gekonnt den schmalen Grat zwischen Nostalgie, Kunst und psychischer Gesundheit.

"Lento Violento" ist mehr als nur komplex. Anfangs kein einfaches Buch, denn man braucht einige Zeit bis man sich in der Geschichte zurechtfindet, die aus Therapieprotokollen/Tagebucheinträgen, Personenwechseln, Songtexten und Erklärungen dazu und eventuell Anspielungen auf politische Ereignisse besteht. Vieles liest sich wie Schwebezustand, wie Alex, die Protagonistin schildert, eine fast Art Trance-Zustand. Lento Violento ist weiters ein Lebensstil und eine Musikrichtung aus den 90er Jahren. Ist man als Leser*in erst einmal gefangen, kann man nicht anders, als sich durch die Seiten zu walzen.

Es beginnt mit einem harmlosen Nachsehen, einer kleinen Recherche und artet aus. Die erfolglose Schriftstellerin Alex klammert sich verzweifelt an Erinnerungen an gute Zeiten aus den 90er Jahren, als alles noch so leicht und einfach war. Die Alltagsprobleme scheinen sie zu erdrücken. Das AMS sitzt ihr im Nacken, ihr Psychiater, mit ihren zwei Mitbewohnern Daniel und Ruth läuft es auch nicht mehr so rund…Jedoch haben Daniel und Ruth in ihren Augen selbst einen Haufen Probleme und das Arbeitsmarktservice im Nacken und gehen ihr dadurch in ihrer WG nur auf die Nerven. Seit einiger Zeit wollen sie auch noch Wohnungsunterlagen sehen und sie beginnen ihre Sachen aufzuräumen. In der Bibliothek hat sie genauso wenig Ruhe und ihre zuvor gewählte Sitzmöglichkeit ist auch schon wieder besetzt. Wie soll sie da bitte in Ruhe schreiben?! Warum sieht und versteht eigentlich keiner außer ihr, wie cool und toll diese Musik ist? Was passiert mit ihr und den Personen und Dingen in der Wohnung? Zwischen Traum und Wirklichkeit, Genie und Wahnsinn.

Im Roman wirft Maria Muhar auch einen Blick auf die Künstlergesellschaft, aber auch auf gebrochene Menschen, jene, die wirklich krank sind. Immer wieder bringt die Autorin geschickt scharfsinnige Anspielungen und Beobachtungen an (z.B. AMS Projekte Daniel, Wirtshaus, u.v.m.). Der Bezug auf politische Ereignisse ist für einige Leser*innen bestimmt wissenswert, da nicht nur die Venga Boys inklusive "Ibiza Affäre" vorkommen. Dennoch gehen diese aufgrund der Dichte im Buch (Erzählung, Songtext, etc.) fast unter. Es ist fast so, als würde man die ganze Zeit exzessiv zu einem Lied tanzen und nach Luft schnappen. Andererseits, passt das genau zum Roman, zum Ende, dem Gefühl dieses Ausbruchs, dieser leichten Craziness, die einfach dazugehört und die es braucht. Die Schriftstellerin und gelernte Köchin und nun auch Kabarettistin, erklärt im Anhang auch die musikalischen Aspekte, oder führt Verlinkungen an. Maria Muhar hat einen eigenen Stil, vieles ist vage, allerdings mehr als aktuell, die Personen schrullig, dennoch fesselnd geschildert. Die psychischen Krankheiten und Probleme einer Generation sind kreativ, künstlerisch, witzig und dennoch mit der nötigen Ernsthaftigkeit aufbereitet. Eine gelungene Achterbahnfahrt im Vergnügungspark des Lebens!

Lento Violento
von Maria Muhar
erschienen bei Kremayr & Scheriau
gebundene Ausgabe, Hardcover mit Schutzumschlag, 208 Seiten, 22,00€

 

Stephanie Ambros