"Wir sind keine Textverbreitungsmaschine!"

Franz Adrian Wenzl, Klaus Mitter und Helmuth Brossmannn von Kreisky sprechen im Interview über ihr fünftes Studioalbum "Blitz", das am 16. März erscheinen wird. Nomen est omen: Kürzer, präziser und skizzenhafter geht es ins Ohr. Ihre auf Sperrigkeit kultiverte Erzählhaltung haben sie sich aber trotzdem bewahrt.

Vier Jahre sind seit dem letzten Kreisky-Album Blick auf die Alpen vergangen. Bühnenabstinenz kann man der Band trotzdem nicht vorwerfen. Schon gar nicht nach der vielgerühmten Theaterproduktion "Viel gut essen" mit Sibylle Berg. Auf der Schauspielbühne schwer politisch, will das Vierergespann auf ihrem neuen Album Blitz weniger gewichtig sein. Die Songs sind direkter, präziser, kürzer und skizzenhafter als gewohnt. Franz Adrian Wenzl, Klaus Mitter und Helmuth Brossmannn über das Schimpfen in der Musik, die Entwicklung des Wutbürgers und die eigene Referenzhölle.

fm5: Was will uns der Autor sagen, ist eine Frage, die man in der Literatur bekanntlich schon lange nicht mehr stellen sollte. Das versuchen wir hier auch zu vermeiden aber ein Interviewtag ist lang und man ist mit sicher vielen Interpretationsvorschlägen konfrontiert. Kommt da manchmal doch ein Gefühl von Missverstandenwerden auf?

Franz Adrian Wenzel (Gesang, Keyboard): Heute nicht. Was wir heute an Journalistenmaterial hatten, war sehr gut. Es ging nicht wahnsinnig viel um die Texte. Missinterpretationen gibt es schon immer wieder, aber die genieße ich immer sehr, wie zum Beispiel beim Song "Dow Jones". Da ging es mir so, dass innerhalb weniger Wochen zwei Mal jemand nach dem Konzert zu mir gekommen ist und das erste Mal meinte einer: „Du, lese ich das richtig? Geht es da um den Kalten Krieg, geht es da um das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Kommunismus?“ Vielleicht hat da ja mein Unterbewusstsein ein solches Bild geschaffen, aber es war auf jeden Fall nicht meine Idee. Und wenige Wochen später sind zwei junge Burschen zu mir gekommen und haben gesagt: „He, des is voi klass und des foaht voi eine he, aber ich mein’, die Texte, des is jo nua a Schaß.“ Das ist so die Spannbreite.

Die österreichische Seele wurzelt tief in eurer Musik. Eine besonders österreichische Nummer auf Blitz ist "Saalbach-Hinterglemm", in der vom „so schön brennenden Schilift“ zu hören ist und in der Pressinformation ist vom Anti-Heimat-Roman die Rede. Funktioniert das auch in Deutschland?

Mitter (Schlagzeug): Der Text ist in Salzburg lokalisiert aber der funktioniert für jeden, der den Text liest oder übersetzt bekommt. Im Topos steckt eine Vater-Sohn-Situation oder eine Jungen-Erwachsenen-Situation, eine Coming-Of-Age- oder Teenie-Story. Und der Tourismus, der drinsteckt, bildet den Rahmen.

Helmuth Brossmann (Bass): Gerade weil du Deutschland gesagt hast: Der Deutsche liebt ja …

Mitter: der Deutsche (lacht). Sie gehen hier viel Schifahren und kennen wahrscheinlich auch Saalbach-Hinterglemm. Und wenn sie es nicht kennen, dann ist es einfach ein geil klingender, komischer Name und weckt Interesse: „Was ist ein Saalbach-Hinterglemm?“

Ich habe das Gefühl, Kreisky wird, im Vergleich zu anderer deutschsprachiger Musik, noch stärker über ihre Texte rezipiert.

Wenzl: Sicher sind unsere Texte markant aber wir sind keine Textverbreitungsmaschine. Es geht primär um die Musik und auch die Art zu Texten ist eigentlich eine Reaktion auf die Musik. Sie braucht jemanden, der vorne steht und was shoutet; und wenn man was shoutet, dann braucht es etwas Markiges. Ich versuche auch, es nicht zu plakativ zu gestalten und immer wieder schiefe Ebenen einzubauen. Text ist leider immer etwas, dass stark von der Musik ablenkt. Wir spielen ja viel zu wenig im nicht-deutschsprachigen Ausland, wo die Musik trotzdem funktioniert, weil über den Gestus alles transportiert wird was man wissen muss.

Das Vorgängeralbum Blick auf die Alpen habe ich nach dessen Release als Höhepunkt empfunden. Es wurde auch im Studio der Wiener Philharmoniker aufgenommen und Blitz dagegen ist…
Wenzl: der Tiefpunkt jetzt (lacht)
… in einem Kellerstudio im Wiener Speckgürtel aufgenommen worden. War diese Herangehensweise eine Art Befreiungsschlag nach dem besonders fein herausgearbeiteten Blick auf die Alpen ?

Mitter: Blick auf die Alpen war eine Fortführung, aber auch eine erste Variation. Da war unser Band-Sound da, wir waren dort, wo wir hinwollten. Wir wollten unsere Musik räumlicher gestalten, weniger direkt und haben viel mit Layers gearbeitet. Es war aber trotzdem noch eine Weiterentwicklung aus Trouble raus. Blitz dagegen war ein bewusster Riss. Wir haben die Platte anders gedacht – wie wir sie aufgenommen, wie wir sie geschrieben haben. Wir haben zuerst das Setup geschaffen und dann gewusst, dass die Songs anders werden.

Wenzl: Textlich war Blick auf die Alpen schon die Platte, auf der ich alles so hingekriegt habe, dass für mich jedes Wort passt. Auf „Trouble“ hatte ich sicher zwei Nummern, wo manches vielleicht nicht ganz so zusammengegangen ist. Blick auf die Alpen war von daher tatsächlich ein Endpunkt an dem ich als Texter nichts mehr besser machen konnte.

Da ist es eine neue Herausforderung einen direkteren Sound zu machen, es schneller zu machen, alles in weniger Zeit zu sagen, skizzenhafter zu bleiben. Es war eine spannende Herangehensweise und einfach etwas Anderes.

Mitter: Man ist ja als Band – uns gibt es jetzt seit 13 Jahren – leider seine eigene…
Wenzl: …seine eigene Referenzhölle (lacht).

Mitter: Man ist selbst der Punkt um den man kreist – wie ein Planet mit einer Anziehungskraft. Wenn wir genau das gleiche Setup haben – mit gleichem Aufnahmeort, gleichem Menschen, der das mischt – wird es trotzdem wieder eine recht ähnliche Platte.

Als wir Blick auf die Alpen gerade fertig hatten – und immer, wenn man eine Platte fertigmacht, kommt sie einem normalerweise schon bei den Ohren raus –, hat Gregor (Annahme: vormaliger Bassist) gesagt: „So, mir taugt es total und ich glaube, in die Richtung brauchen wir uns jetzt nicht mehr weiterzuentwickeln.“

Wenzl: Es würde sich dann wiederholen und das ist – per se im Pop aber auch in jeder anderen Kunstform – eine Frage die man sich stellen muss: Macht es Sinn eine Platte nochmal so zu machen? Da reicht doch eigentlich die eine.

Der moderne Wutbürger ist eine jüngere Erscheinung als der schimpfende Mensch in Kreisky-Songs. Passt das Konzept des schimpfenden Menschen auf den politisierenden Wutbürger von heute?

Wenzl: Wir leben in einer Wirklichkeit, in der er jetzt eine andere Bedeutung hat als noch vor zehn Jahren. Der Wutbürger oder der schimpfende Mensch war einer, der sich mit Bluthochdruck über irgendetwas aufgeregt hat, was der Aufregung nicht wert war.

Das ist für mich eine großartige Singsituation weil man zu lauter Musik shouten kann. Und trotzdem ist es nicht so, dass zu der lauten Musik und zu dem Schreien – zu diesen ganzen Bedeutungsaufladungen – es nur um Wichtiges geht. Dieses Schreien hat eigentlich ein unwürdiges Thema aber dieses Thema für sich ist wieder sehr interessant. Aber natürlich hat sich die Bedeutung von dem schimpfenden Menschen massiv geändert.

Mitter: Er war eher eine lächerliche, bemitleidenswerte Figur. In den Songs war aber nie der Zeigefinger dabei: „das ist der kleine Typ, der sich ärgert und jetzt ist er on top auch noch quasi rechts, wählt FPÖ und schlägt seine Frau daheim“, sondern er war einfach eine bemitleidenswerte Figur, die in ihrer Rolle steckt.

Wenzl: Letztendlich ein normaler Mensch. Man regt sich ja selbst oft über irgendetwas auf und meistens sind es nicht die wichtigen Dinge über die man sich aufregt.

Dieses Schimpfen funktioniert für den Hörer auch als Ventil. Man findet sich zum Teil in der einen oder anderen Figur wieder. Durch die Politisierung dieser tut man sich schwerer und denkt vielleicht noch ein bisschen weiter – so weit, wie man gar nicht denken will.

Mitter: Diese Figur selbst hat sich gewandelt, einen Medienhype erfahren und letztendlich hat sich der Wutbürger verselbstständigt und Aufmerksamkeit bekommen, die wahrscheinlich eh immer haben wollte aber mit der er natürlich überhaupt nicht umgehen kann. Es war relativ schnell klar, dass das nicht zum Guten eingesetzt wird, sondern immer nur eine Etage tiefer geht. Und jetzt sind wir halt bei einer AFD und einer Regierungsbeteiligung der FPÖ.

Wenzl: Wir haben uns schon gefragt, wie man damit umgehen kann. Auf der einen Seite ist das meine Erzählhaltung und die will ich mir nicht wegnehmen lassen. Auf der anderen Seite muss ich natürlich damit umgehen. Das Glück hat uns dann das Theaterstück geschenkt, in dem wir mit Sybille Berg zusammengearbeitet und diese Erzählhaltung in einen politischen Kontext gestellt haben. Viel besser als wir das alleine gekonnt hätten, weil wir ja per se keine politische Band sind. Damit in diese Richtung arbeiten zu können war super und die Platte wählt wieder den anderen Weg. Hin und wieder auch mit Abzweiger ins Alberne bis sogar ins Doofe um nicht zu gewichtig zu sein.

Also die Antwort auf den Wutbürger von heute ist das Theaterstück.

Wenzl: Und die Platte ist eine andere Art von Antwort. In unserer Musik findet sich nicht unbedingt das authentische Sänger-Ich, das ja gerne von der Popmusik verlangt wird, aber es ist schon so, dass ich mir alle darin vorkommenden Charaktere selbst einmal durchgesponnen habe. Es gibt also nichts, wo kein Gefühl dabei ist, nichts was mir total fremd wäre. Das sind zwar oft nicht besonders schöne Dinge aber, wenn ich mich darin anteilsweise selbst finde, wird es auch genug Leute geben, die sich auch damit identifizieren können.

Brossmann: Insofern unterscheiden sich die Kreisky-Texte gar nicht so stark vom Theaterstück. Es bringt einem auch nahe wieviel von dem Typen auf der Bühne, in einem selbst steckt. Beim Song "Depp des 20. Jahrhunderts" muss die Figur im Song wie auch jene im Theaterstück, feststellen, dass die Welt an ihm vorbeigezogen ist und nur mehr dasteht wie ein Depp.

Manche Melodien in Blitz klingen nach Endzeitstimmung und im letzten Song "Sudoku", verlasst ihr dann „das sinkende Schiff“. Verabschiedet sich Kreisky gar von dieser Welt?

Mitter: Wir haben den Song als Abschlussnummer gewählt, weil es so ein schöner, mehrfach interpretierbarer Schluss ist. Der Song hat etwas sektenartiges – da ist ein Raumschifft, dass noch ein paar Leute mitnimmt und die anderen zurücklässt.

Wenzl: Es gibt Thematiken, die sich anbieten um den Hörer zu entlassen. Wir verlassen die Welt aber hoffentlich noch nicht so bald.

Kreisky – Blitz
Wohnzimmer Records
VÖ: 16.3. 2018


Live:
15.3. Recordbag Takeover, Recordbag Wien
12.4. p.p.c., Graz
13.4. p.m.k., Innsbruck
14.4. Stadtwerkstatt, Linz
19.4. WUK, Wien
7.5. Milla Live Club, München
9.5. Häkken, Hamburg
10.5. Kantine am Berghain, Berlin
12.5. Merlin Kulturzentrum, Stuttgart

Bernhard Schaller
Anna
Zehetgruber