Die Pension - der letzte Lebensabschnitt, vor dem sich viele fürchten: Womit soll man sich denn bloß die Zeit vertreiben? Ein paar amerikanische Senioren haben die Antwort: Party!
Ein Theater, irgendwo in Northampton, USA. Die Plätze sind bis zum letzten Rang gefüllt. Die Kamera schwenkt lautlos über die tobende Menge, erst langsam setzt der dazugehörige Ton ein: ohrenbetäubender Applaus, euphorische Schreie, freudiges Getrampel.
Eine alte, weißhaarige Dame bahnt sich mit ihrem Gehstock den Weg durch die Menge direkt auf die Bühne zu. Langsam. Wirklich langsam. Endlich angekommen, dreht sie sich zur Menge. Auf einen Schlag verstummt der riesige Saal. Hinter der alten Dame taucht aus der Dunkelheit ein ganzer Haufen ebenso alter Menschen auf. Ebenso langsam. Kurz positioniert sie noch das Mikrofon. Sie öffnet ihren Mund und schreit:
SHOULD I STAY OR SHOULD I GO?
Die Dame ist The Clash-Fan, auch wenn sie denkt, dass die Band Crash heißt und obwohl sie eigentlich am liebsten klassische Musik hört. Sie heißt Eileen und ist 92 Jahre alt. Eileen ist eines von 24 Mitgliedern des Young At Heart - Chors. Ein Chor mit einem Altersdurchschnitt von 80. Doch selten hat ein Chor die Bühnen dieser Welt so gerockt, wie dieser.
Stephen Walker hat Young At Heart vor ein paar Jahren live in London erlebt und war begeistert. Also hat er sich entschlossen eine Dokumentation über dieses - aus Jugendlichen, in Rentner-Körpern steckenden, bestehende - Kollektiv einen Dokumentationsfilm zu drehen. Er begleitet die 24 köpfige Truppe und ihren Chorleiter Bob Cilman ein paar Wochen bei den Vorbereitungen für einen sehr großen Auftritt.
Walker wird zu den einzelnen Mitgliedern nach hause eingeladen, er filmt bei den Proben und auch in vielen anderen Situationen. Er selbst habe bei den Dreharbeiten 24 neue Großeltern bekommen, sagt Stephen Walker am Anfang des Films. Und auch dem Zuschauer ergeht es so. Auch wenn diese Omas und Opas so drauf sind, wie man es sich ganz und gar nicht von Großeltern erwartet.
Eileen ist die Person, die man von Anfang an ins Herz schließt. Sie trat Young At Heart ihm Alter von 70 Jahren bei und wurde mit ihrer Striptease-Nummer (!) zu einem Fixpunkt der Live-Auftritte des Chors. Aber auch der Lungenkranke Fred, der ohne Sauerstoffgerät nicht außer Haus gehen darf, sowie Dora, die schon Ururgroßmutter ist, prägen sich ins Gedächtnis ein.
Forever Young.
Doch auch in privaten Momenten schreckt die Kamera von Stephen Walker nicht zurück und so muss man miterleben, wie kurz vor einem Auftritt in einem Staatsgefängnis, eines der Mitglieder - Bob Salvini - an Herzversagen stirbt. Den Auftritt absolviert Young At Heart trotzdem, mit noch mehr Imbrunst als sonst. Und als sie am Ende Bob Dylans "Forever Young" für ihren verstorbenen Kameraden anstimmen, sieht man auch in den Augen ihres wohl härtesten Publikums die Tränen glitzern.
"I will keep you in my heart", sagt ein riesiger muskelbepackter Gefängnisinsasse nach dem Konzert zu Eileen und küsst sie auf die Wange. Diese strahlt und freut sich, denn sie glaubt fest daran, dass auch der verstorbene Bob gewollt hätte, dass sie heute auftreten. Sie selbst werde einmal - wenn es soweit ist - auf einem Regenbogen sitzen und den Chor weiterhin beobachten, da ist sie sich ganz sicher.
Tears stream. Down your face.
Es ist bewundernswert, wie alle Mitglieder von Young At Heart mit dem Thema Tod umgehen. "Keep on!", ist das inoffizielle Motto und das wird auch so gehandhabt. Als gegen Ende ein paar Tage vor ihrem großen Auftritt im anfangs erwähnten Theatersaal auch noch Joe Benoit das Aushängeschild des Chors an seiner Krebserkrankung stirbt, fasst der Chor einen Plan und sie widmen den beiden Verstorbenen ein ganz besonderes Lied.
Fred Knittle, der Lungen-kranke Sänger, singt Fix You von Coldplay. Spätestens in diesem Moment des Films greift man zum Taschentuch, schneuzt sich in den Bezug des Kinosessels oder lässt die Tränen ins Popkorn fallen. Es ist eine so wunderschöne Performance, die schon lange vor dem Erscheinen des Films auf der Video-Plattform Youtube für rührselige Aufregung gesorgt hat.
That's what we have: a lot of life.
Traurig verlässt man den Kinosaal aber dennoch nicht, denn die Lebensfreude dieser alten Leute steckt viel zu sehr an. Sonic Youth, The Ramones oder James Brown: alles wird von den singenden PensionistInnen gecovert. Oft so gut, dass man das Original danach gar nicht mehr hören kann oder will.
Filmstart: 2. Jänner 2009
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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