2007-05-17 17:01:10
Über die "Süße des Lebens", die Autonomie des Schreibens, die Sucht und den Wahnsinn - aus einem angenehmen Kaffeehausgespräch mit dem in Wien lebenden Schriftsteller und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer.
FM5: War es schön am Land (Anm.: Blindenmarkt, NÖ) aufzuwachsen?
Paulus Hochgatterer: Ja. ich habe sicher eine schöne Kindheit gehabt. Ich habe eine Kindheit gehabt, die durch mehrere Dinge geprägt war. Durch die Freiheit die man am Land hatte und teilweise sicherlich heute noch hat. Das heißt, ich habe Sommerferien gehabt, da war man zwei Monate lang ständig irgendwo unterwegs. An den Bächen oder in der Au, oder im Wald. Und die Eltern haben keine wesentlichen Anstrengungen gemacht uns zu reglementieren – das war einfach frei, heimgekommen ist man zum Essen und aus.
Ansonsten war es natürlich auch eine katholische Kindheit, wie es am Land üblich ist. In die Kirche gehen und ministrieren. Die Form des Katholizismus die meine Eltern repräsentiert haben, habe ich nie über die Maßen einschränkend erlebt. Wie ich dann mit meiner ersten Freundin gleich einmal zusammengezogen bin, das war dann ein bisschen schwierig mit meinen Eltern. Das hat so das katholische Moralgebäude ein bisschen erschüttert, aber das war dann sehr okay. Da haben sie sich angepasst.
Bei Ihrer Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater gibt es da Momente, in denen Sie etwas von Ihren PatientInnen lernen bzw. in denen Ihnen die PatientInnen helfen?
Ununterbrochen! Ich habe, was unschwer zu erkennen ist, einen Faible für Geschichten und das beinhaltet auch die Geschichten, die mir die Patienten erzählen. Die interessieren mich einfach. Natürlich auch als Lebens- und Leidensgeschichten. Aber auch einfach als Geschichten, die spannend sind und teilweise auch unglaublich lustig, tragisch, das heißt die alles enthalten was gute Geschichten ausmacht. Und lernen: Ich lerne ständig, wie Menschen mit Lebensumständen zu Recht kommen, die unglaublich sind, teilweise. Und wie sie trotzdem ein halbwegs anständiges und funktionierendes Leben führen. Ich denke, ich nehme dann kleine Schwierigkeiten die mir widerfahren vielleicht nicht so tragisch, wenn ich sehe, was wirkliche Schwierigkeiten sind.
In einem Interview haben Sie betont, dass Schreiben etwas Reflexives an sich hat. Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen das Schreiben durch dieses reflexive Element auch persönlich etwas bringt?
Ja, ohne Zweifel, das ist überhaupt keine Frage. Schreiben hat auch eine gewisse Autonomie. Ich bin zwar jemand der seine Geschichten genau vorkonstruiert. Ganz altmodisch mit Notizbuch in das ich handschriftlich hineinschreibe und den Handlungsgang skizziere und die Figuren in ihren wesentlichen Charakteristika und ich muss wissen wie es anfängt und wo es aufhört. Eine Geschichte ist ziemlich genau vormontiert, bevor ich mich überhaupt hinsetze und einen ersten Satz hinschreibe.
Und trotzdem ist es so, und das will ich jetzt eigentlich sagen, dass dann das Schreiben, das heißt die Produktion vom Text eine gewisse Autonomie bekommt. Und es entstehen dann Dinge, die im Konzept nicht vorgesehen sind. Und in diesem produzieren von Sprache und Text reflektiert man notwendigerweise das, was einem selbst ständig widerfährt und da schleichen sich dann Sachen ein, vor denen man dann überrascht steht, weil man es so nicht geplant hat. Und dann kommt man irgendwie darauf, dass es vielleicht mit dem zu tun hat was einem letzte Woche begegnet ist. Insofern reflektiert man im Schreiben ständig das was einem widerfährt. Ich glaube man kann nicht anders. Aber ich glaube das tut im Übrigen auch ein Musiker der spielt. Der bildet notwendigerweise ab, was ihm passiert.
In ihrem aktuellen Roman Die Süße des Lebens, fragt eine Polizistin: „Wer macht so etwas?“, nachdem Bienenstöcke zerstört und die darin lebenden Tiere getötet wurden. Worauf der Kommissar, nicht ganz unironisch, meint: „Ein Mensch der ein Problem mit der Süße des Lebens hat, macht so etwas“. Lässt sich Die Süße des Lebens in Worte fassen?
Schwer (lacht). Am ehesten ist die Süße des Lebens all das, was sich so ein bisschen honig-artig anfühlt. Wo es einen guten Geschmack gibt, vielleicht ein bisschen so ein regressives kindliches Wohlgefühl, des aufgehoben und beheimatet sein. Diese angenehmen warmen, weichen, süß schmeckenden Dinge.
Konkreter gefragt, was ist die Süße in Ihrem Leben?
Meine Familie. Das heißt meine Frau, mein Sohn, meine Herkunftsfamilie im weiteren Sinn - meine Schwestern mit ihren Familien. Meine Berufe, das Schreiben und die Kinderpsychiatrie, das mache ich ja beides sehr gerne. Und Rückzugsräume am Land. Das ist für mich so die Süße des Lebens.
„Man schreibt ‚Depression’ hin dachte er, verordnet ein Medikament und weiß, dass es immer mit dem Wunsch zu tun hat, in die Arme genommen zu werden.“- Raffael Horn, Psychiater in die Süße des Lebens.
Was sagt der Psychiater Paulus Hochgatterer zur raschen, medikamentösen Intervention in der Psychiatrie?
Der Psychiater Hochgatterer sagt, dass die manchmal absolut notwendig ist. Wenn Menschen in psychischen Krisen sind, die so schwer sind, oder so akut, das sie einfach in eine akute vitale Gefährdung münden, dann muss man was tun. Das ist überhaupt keine Frage. Das man sie stabilisiert und von den Ideen, entweder sich selbst, oder andere umzubringen wegbringt. Und das funktioniert manchmal nur mit Medikamenten. Nur Umarmung reicht nie, oder kaum jemals aus, in psychischen Krisen.
Aber Depressionen entstehen dadurch, dass Kinder nicht oder unzureichend erfahren, dass die Eltern oder die primären Bezugspersonen im Stande sind, ihre Emotionen zu regulieren. Das heißt, ein Kind, das mit den Gefühlen, die es selbst nicht steuern kann und sich nicht ausreichend erklären kann – ein Kind das damit alleine gelassen wird, das bekommt später möglicherweise eine Depression.
Sind Sie ein politischer Mensch? Stichwort: Über Hundert Tage "Rot-Schwarz".
Wenn ein politischer Mensch jemand ist dem das Funktionieren gewisser gesellschaftlicher Aspekte ein Anliegen ist, dann bin ich ein politischer Mensch. Ich bin und war nie ein parteipolitischer Mensch. Es ist momentan ein so ein Geplänkel teilweise und diese Eurofighter-Geschichte steht momentan in der Öffentlichkeit so im Zentrum, dass andere Dinge untergehen. Also, untergehen eh nicht, aber zu wenig Beachtung finden. Was mich zum Beispiel jetzt interessiert ist die bildungspolitische Diskussion. Wie wird sich unser Schulsystem entwickeln? Tut sich da endlich etwas G’scheites oder bleiben wir in der wirklich nicht zufrieden stellenden Situation in der wir momentan sind, zumindest aus kinderpsychiatrischer Sicht.
Was wäre "g’scheit"?
Kleinere Klassen, mehr Möglichkeit zur Individualisierung, sprich fokussierte Betreuung von Kindern, die bestimmte Begabungen haben oder auch bestimmte Schwächen. Und in der Oberstufe, einfach mehr Möglichkeiten selbst zu wählen, zumindest in den letzten zwei Schulklassen. Es gibt einfach Dinge, die für bestimmte Schüler ganz eindeutig überflüssig sind und mit denen man sie nur quält und die anderen Sachen, zu denen sie mehr Neigung hätten und Freude an der Arbeit hätten, verhindern. Und da sollte man mehr Wahlmöglichkeit zulassen.
Was halten Sie von einer Grundsicherung in Form eines Grundeinkommens?
Viel. Ich kann es ökonomisch nicht durchargumentieren, aber das ist ja auch nicht meine Aufgabe. Die große Angst, dass dann keiner mehr Arbeiten geht halte ich für einen absoluten Schwachsinn. Das kommt aus einem falschen Menschenbild, das die Leute die so was meinen, haben. Menschen wollen sich beschäftigen. Die Dinge die sie zur Verfügung haben, die wollen sie auch einsetzen. Diese Angst halte ich für unsinnig. Die Menschen werden trotzdem arbeiten, weil sie ein Bedürfnis haben zu arbeiten.
Sich beschäftigen oder tätig zu sein – sind das wichtige Elemente für Selbstzufriedenheit?
Schon. Sich selbst als funktional zu erleben, das heißt als jemand der etwas produziert oder etwas schafft, das ist ganz wichtig. Unabhängig vom Leistungserfolg. Wenn man ein kleines Kind dabei beobachtet, dem man nur unstrukturiert ein paar Duplo-Steine vor die Füße legt, wird es in einem bestimmten Anteil von selber die Steine aufeinander stecken wollen. Es wird sich freuen, wenn ihm das gelingt und das hat mit Leistungsdenken überhaupt nichts zu tun, sondern es hat einfach eine Freude, dass es da etwas macht. Ich glaube Menschen sind so.
Wenn Watzlawick die Anleitung zum Unglücklichsein schreibt, was wäre dann die Anleitung zum Glücklichsein?
Jetzt ein Rezept zum Glücklichsein? (lacht) Ich glaube, das gibt es nicht.
Gibt es Grundelemente, die schon einmal ganz förderlich sind, wenn sie vorhanden sind?
Ich bin da jetzt allzu plakativ wenn ich sage sich selbst treu zu bleiben oder zu versuchen sich selbst treu zu bleiben. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass ich oft erfahre, dass die Menschen überhaupt nicht mehr wissen, was sie selbst eigentlich sind, oder wer sie sind, oder was sie selbst ausmacht. Weil es ihnen von Anfang an abgewöhnt wird.
Von wem abgewöhnt?
Beginnend mit den Eltern. Kinder die Begabungen haben und keiner nimmt das wahr und schon gar nicht ernst. Oder umgekehrt, Kinder die bestimmte Dinge nicht können und wollen und die anderen wollen sie ständig von ihnen. Nicht nur in den Schulen, sondern auch in den Familien. Das heißt, glücklichsein würde dort anfangen, wo man sich auf die Spur dessen begibt, was einen eigentlich selber ausmacht. Da sind Fähigkeiten gemeint, da ist auch die Biografie gemeint. Ganz oft, das ist wahrscheinlich auch typisch für urbane Gesellschaften, haben Kinder keine Ahnung woher sie kommen. Wer ihre Eltern eigentlich sind, wer ihre Großeltern sind, woher sie geografisch kommen. Und in der Arbeit mit diesen Kindern ist das erste dann, ein bisschen zu rekonstruieren was da eigentlich an Lebensgeschichte so vorhanden ist.
Was machen Sie, wenn es Ihnen nicht gut geht?
Musik hören. Schauen, dass meine Katzen in der Nähe sind. Schauen, dass ich mit meiner Familie irgendwie reden kann. Essen. Whiskey trinken. Und mich bewegen. Spazierengehen oder in die Berge gehen funktioniert immer.
Gibt es ein Buch, das sie gerne geschrieben hätten oder eine Romanfigur, die Sie besonders sympathisch finden?
Es gibt für mich einige Bücher die ich sehr gerne mag. Die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, eigentlich alle. Ein Buch das ich sehr gerne mag ist Jack der Bär. Ein Amerikaner, Dan McCall, ist der Autor und Jack der Bär ist die Geschichte eines Vaters der mit seinen Söhnen in einer amerikanischen Vorstadt lebt und da einfach gewisse Dinge erlebt. Ein großartiges Buch.
Ein Buch das ich sehr gerne mag, weil es eine gewisse Zeit einer Kindheit wirklich eindrucksvoll darstellt, ist der erste Band der Autobiografie von Thomas Bernhard. Darin schildert er unter anderem seine Bettnässerkindheit.
Und dann gibt es ein Buch, das nichts mit Kindern zu tun hat, das ich gerne mag. Das ist Die Wand von Marlen Haushofer. Und so würden mir noch viele einfallen (lacht). Zuletzt habe ich auch ein Buch gelesen, das mit Kindheit zu tun hat, das mich sehr beeindruckt hat. Ich weiß nur den englischen Titel, der heißt Ham on Rye. Auf Deutsch heißt es ganz anders. Das ist die Kindheitsgeschichte von Charles Bukowski. Unbedingt! Also, unbedingt!
Zum Abschluss kommend eine Frage zu Wien und zu Ihrem Stadt-Land-Verhältnis.
Die Stadt-Land Spannung ist eine in der ich mich ständig befinde. Das ist eine typische Konstellation. Das ist so wie Schreiben und Kinderpsychiatrie. Es ist beides wichtig und ich habe lange Zeit gebraucht, um mich von dem Anspruch mich zu entscheiden zu verabschieden. Es geht nicht und es wird auch nicht sein. Und genauso ist es mit Land und Stadt.
Sind die Leute am Land entspannter oder grassiert der Wahnsinn überall?
Der Wahnsinn grassiert grundsätzlich überall. Gewisse Aspekte des Wahnsinns bringt schon die Stadt hervor. Die Störungen die sehr mit Aggression und Gewalt zu tun haben, die kommen in einer großen Stadt einfach häufiger vor. Und auch die Störungen die mehr mit Suchtgift zu tun haben, die kommen in großen Städten häufiger vor. Aber alles andere gibt es am Land genauso.
Sucht. Suchtverhalten. Wie kommt es eigentlich dazu, dass man süchtig wird?
Dahinter stehen meistens schwerere strukturelle Störungen. Leute die wirklich in eine schwere Suchtproblematik hineinkommen sind Leute, die ihre Affekte selber ganz schlecht regulieren können und in dem Augenblick, in dem ein unangenehmes Gefühl auftaucht in ihnen, etwas brauchen, das ihre unangenehmen Gefühle entfernt.
Danke für das Gespräch!
Bilder: Hubert Kickinger
Bildbearbeitung: Alexandra Augustin
Ach, lass uns doch einmal so tun als ob - einmal John Wayne sein.
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