Hippies, kalte Füße und keine Frühlingsgefühle: FM5 besuchte den Sri Chinmoy Friedensbaum in Brüssel.
Seine Äste sind kahl und noch ohne Blätter. Nackt steht er mitten im "Beliardstraat"-Park vor dem EU-Parlamentsgebäude in Brüssel. Der Sri Chinmoy Friedensbaum. "Vielleicht sieht er so traurig aus, weil er die Friedenslage der ganzen Welt widerspiegelt", mutmaßt eine deutsche Passantin. "Oder weil es im März bei zehn Grad noch zu kalt für Knospen und Frühlingsgefühle ist", antwortet ihr Begleiter trocken. Sie schnäuzt in ein Taschentuch, er wickelt sich seinen Mantel enger um den Körper. Beide gehen mit eingezogenen Köpfen und schnellen Schritten weiter. Viel Aufmerksamkeit bekommt der Baum auch von den restlichen Parkbesuchern nicht. Nur eine Studentengruppe bildet einen Kreis, fasst sich an den Händen und hüpft in Hippie-Manier um den Baum: "Für Weltfrieden und Liebe", rufen sie und lachen. Nach fünf Minuten wird es ihnen aber zu langweilig. Sie packen ihre Sachen und diskutieren laut, wo es das nächste Cafe mit billigem Kirschbier geben könnte.
Vor 18 Jahren – am 4. Juni 1991 – war der Brüsseler Friedensbaum noch in aller Munde: Damals wurde er im Rahmen des Sri Chinmoy Friedensmarathons gepflanzt. "Dieser Baum ist dem menschlichen Streben nach Weltfrieden gewidmet", steht auf der Eisentafel vor dem Baum. "Durch die innere Realisierung von Frieden wird Weltfrieden wachsen und die Menschheit eine geeinte Weltfrieden-Familie", heißt es auf Englisch weiter. "In diesem Prozess sind auch die europäischen Länder eine wichtige Errungenschaft. Aus diesem Grund ist dieser Baum auch einem geeinten Europa gewidmet."
Googelt man den Namen dieses Baumes, so kommt man auf die belgische Informationsseite belgianview.com. Laut einer Umfrage fanden die meisten Besucher den Friedensbaum nur "rather nice" – 5.1 Punkte (von zehn) bekam diese Tourismusattraktion von Sightseern. Erst auf Platz 1900 findet man den Sri Chinmoy Tree auf der Attraktions-Hitparade der Website. Mit einem Klick kann man auf dieser Seite darüber abstimmen, ob die Beschreibung des Sri Chinmoy Friedensbaumes von der Homepage gelöscht werden soll. Außerdem kann man mittels Formular Kontakt mit den Websitebetreibern aufnehmen und darüber schreiben, ob man den Baum "ugly oder beautiful" findet. Hoffentlich spiegelt der Friedensbaum in Brüssel mit seinen kahlen Ästen tatsächlich nur den kalten März in Brüssel wieder; und nicht das Bestreben der Menschen nach Weltfrieden.
Infobox:
Sri Chinmoy war ein idischer Guru, der lange Zeit in den USA lebte und 2007 im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Er war der Begründer der nach ihm benannten Sri-Chinmoy-Gemeinschaft. Auf Wikipedia heißt es, dass im Vordergrund der Lehre Meditation, Weltfrieden und Harmonie stehen. Es sei "nicht nur möglich, sondern das Schicksal der Welt als Familie zusammenzuleben und zusammen Frieden anzustreben". Seit 1977 widmet sich ein von ihm inspiriertes
Sri-Chimnoy-Marathon-Team von hunderten Langstreckenläufern in der
ganzen Welt. Alle zwei Jahre veranstaltete Chinmoy die Sri Chinmoy Oneness Home Peace-Läufe, die zum Ziel hatten, den Frieden mit Hilfe einer brennenden Fackel von Land zu Land zu tragen. Kritik an der Organisation üben staatliche und private Stellen, die behaupten, die Sri Chinmoy-Organisation sei eine Sekte, die ihre Anhänger in eine gefährliche Abhängigkeit gegenüber dem Guru und der Gemeinschaft bringe. Ihre Veranstaltungen würden als scheinbar unverfängliche Lockmittel zur Anwerbung neuer Mitglieder eingesetzt.